Seminar: Einführung in die Medienwissenschaft II
Dozent: Prof. Nagl
Referent: Thomas Numberger
Datum: 10.7.1995
Zu Beginn der Filmgeschichte wurden Filme hauptsächlich von der Industrie und von Schaustellern gemacht.
Filme faszinierten die Zuschauer wegen ihrer bewegten Bilder, nicht wegen ihres Inhalts.
Der starke Aufschwung der Filmindustrie führt um 1910 zum Aufbau einer kapitalkräftigen Filmindustrie, die ständig neue Stoffe braucht und neue Zuschauerkreise erschließen muss.
Im Film wurde das Erzählen einer Geschichte immer wichtiger.
Die Filme spielten überwiegend im bürgerlichen und städtischen Milieu und stellten meist eine Mischung aus Dokumentation und Inszenierung dar.
Die inszenierten Filme stellen oft Geschichten aus der Privat- und Intimsphäre dar.
Während das herrschende Bildungsbürgertum den Film zur Stärkung der vorhandenen Gesellschaftsordnung nutzen wollte, stützte sich das Kino vor allem auf die Leute, die von der herrschenden Kultur ausgeschlossen waren.
In der Produktion waren das Technik, Wirtschaft, Artistik, Schaustellertum und Schauspieler.
Das Publikum bestand hauptsächlich aus Frauen aller Gesellschaftsschichten, "kleinen Leuten", Arbeitern und Angestellten.
Für Frauen bedeutete das Kino meist das einzige Vergnügen, das sie außer Haus alleine genießen konnten.
Entsprechend wurden Filme produziert. (Für Frauen Groschenromantik und Dramen.)
In den Filmen spiegelt sich eine ambivalente Rücksichtnahme auf die Frauen im Publikum:
einerseits gehen die Filme inhaltlich auf die Wirklichkeit und die wirklichen Probleme von Frauen ein, andererseits verdrängen die Geschichten Formen der Exhibition, deren Appell ans Auge, an die Schaulust, sich für Frauen nicht schickte.
(Separat-Vorstellungen für geschlossene Herrenabende gab es natürlich.)
Gleichzeitig wurden Frauen erstmals als soziale und kulturelle Wesen außerhalb ihrer familialen Bindung akzeptiert.
Diese Filme führten zu einer immer stärkeren Selbstwahrnehmung der Frauen und einer Auseinandersetzung mit der männlichen Norm.
Der Eintritt der Schauspieler in den Film bringt ihm ein eigenes kulturelles Selbstverständnis.
Eine neue Filmästhetik des Kinodramas entsteht, (bisher gab es nur Filme mit technischen, artistischen oder an die männliche Schaulust appellierenden Themen).
Um den Frauen Neues, Zeitgemäßes, eben vom Theater Unterscheidbares zu bieten, musste die Schauspielerin den Blick der Frauen auf die Welt, ihre Hoffnungen und Kämpfe, darstellen.
Das soziale Drama ist realistisch und alltagsnah, es schildert meist den Kampf einer Frau zwischen ihren natürlichen, weiblich-sinnlichen Instinkten und den diesen entgegenstehenden sozialen Zuständen, dabei sprechen die Filme meist die Schaulust beider Geschlechter an.
Das Melodrama dagegen degradiert die weibliche Geschichte zum bloßen Inhalt innerhalb der patriarchalen Kulturformen.
Während beim Theater das Frauenbild immer von einem männlichen Dramatiker oder Regisseur entworfen wurde, konnte die Schauspielerin im Film ihr Spiel selbst bestimmen, es gab keine literarischen Vorlagen. Frauen hatten sich bisher, gemäß ihrer "geschlechtlichen Rolle", im Hintergrund zu halten; ein öffentliches Zurschaustellen gehörte sich nicht. Die Exhibition der Schauspielerin, das Sichmitteilen, führt nun zu einer weiblichen Erzählperspektive in den Geschichten des frühen Kinos.
Die Einführung des Autors beim Film führte zu einer Reetablierung der männlichen Sichtweise und Macht in den Film. Die Übernahme von Elementen des Theaters verfolgte das Ziel, das weibliche Subjekt aus der Geschichte zu eliminieren und sie mit der Repräsentanz männlicher Autorität zu überformen.
Die Trivialisierung des Films, eine Mischung aus Striptease und Oper, soll das im Bild Gebannte verselbständigen. Der weibliche Körper stellt sich für das männliche Auge aus und konfrontiert es gleichzeitig mit verborgenen sadistischen und nekrophilen Lüsten.
Beide bedienen aggressive masochistische Wünsche und geben damit weiblicher Ambivalenz Ausdruck. Die Tiere werden missachtet, misshandelt und zur Befriedigung weiblicher Launen und Lust gebraucht. Dem Zuschauer bleibt die Wahl sich mit den Sadistinnen oder den Tieren zu identifizieren.
Der Film, ein einfacher Groschenroman, zerlegt die natürliche Mutterliebe in die konfligierenden Bestandteile egoistischer und altruistischer Interessen. In der Kleinbürgerstube soll ein Spiegel an der Wand die Zuschauer zur Selbstreflexion ihrer eigenen Wünsche anregen.
Einfache Alltagsgeschichten mit vielen Emotionen, schicksalshaften Ereignissen, geheimen Wünschen, der höheren Moral der Frau als Träger der Familie und die Kinder als Anwälte des weiblichen Machtanspruchs in der Familie.
Frauensolidarität für die Liebe und gegen die Ehe. Vom Standpunkt der Frauen erzählt. Der Ehemann wird lustig gemacht.
Ein Heiratsschwindler wird von Frauen gejagt. Der Film zerstört das Bild der Einheit körperlicher Potenz und institutioneller Macht, der personifizierten patriarchalen Gewalt, wie sie den Frauen in Gestalt der Männer entgegentritt. Das Paar wird in der Schlussszene im Gefängnis vereint, dies soll das Verhältnis der Frauen zum Eheleben darstellen.
Im Verkleidungsspiel bricht sich die sadistische Lust an der Demontage der Männlichkeit Bahn. Diese wird als Arsenal von Versatzstücken entlarvt.
Trotz den Vorteilen des emanzipierten Rollenverständnisses aus dem sozialen Drama haben sich bis heute die meisten Frauen das angepasste Frauenbild des Melodramas zu eigen gemacht.
Schlüpmann, Heide: Unheimlichkeit des Blicks. Das Drama des frühen deutschen Kinos.
Basel [u.a.]: Stroemfeld/Roter Stern, 1990
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