Heute übliche Aktmodell Gage, Gehalt und Honorar
Was wäre eine faire Bezahlung für Aktzeichnen, Aktmalen und Aktmodellieren?
Warum sind Aktmodelle oft unzuverlässig, ist die Fluktuation so hoch und arbeiten viele schwarz?


 

Heute übliches Gehalt für Aktmodelle bei künstlerischem Aktzeichnen, Aktmalen und Aktmodellieren

Die durchschnittlichen Stundensätze für Künstlermodelle in Baden-Württemberg liegen derzeit (Februar 2017) bei:

12,73 Euro pro 60 Minuten Portraitzeichnen bzw. Figur (Mit Kleidung - Durchschnittswert aus 5 mir bekannten Veranstaltern)
20,19 Euro pro 60 Minuten Aktzeichnen (Posen bis 30 Minuten - Durchschnittswert aus 59 mir bekannten Veranstaltern)
22,03 Euro pro 60 Minuten Aktmalen (Posen 30-90 Minuten - Durchschnittswert aus 13 mir bekannten Veranstaltern)
19,57 Euro pro 60 Minuten Aktmodellieren (Posen ab 90 Minuten - Durchschnittswert aus 10 mir bekannten Veranstaltern)
31,00 Euro pro 60 Minuten künstlerische Aktfotografie (keine Erotik oder Pseudokunst - Durchschnittswert aus 2 mir bekannten Veranstaltern)

Die Durchschnittswerte basieren auf den Daten mir bekannter Veranstaltern, vorrangig aus den Großraum Stuttgart, Ludwigsburg, Heilbronn, Esslingen, Pforzheim, Karlsruhe, Schorndorf, Plochingen. - Die Spanne reicht dabei aber von 12 bis 50 Euro pro Stunde.

Das hört sich im ersten Moment recht gut an. Die Probleme von Künstlermodellen sind aber die meist sehr kurzen Jobs (üblicherweise nur 2-3 Stunden), die ständig wechselnden Arbeitsorte (und daraus resultierenden langen Fahrzeiten und sehr hohen Fahrtkosten, welche meist nicht bezahlt werden) sowie die oft nur sehr wenigen Jobs pro Auftraggeber und Jahr. Zudem sind Künstlermodelle selbstversteuerungspflichtig und müssen auch alle Sozialversicherungen aus eigener Tasche bezahlen. Nach Abzug von Fahrtkosten und Sozialversicherungsbeiträgen bleiben daher oft nur noch wenige Euro Nettolohn übrig.

Männermangel, Geschlechteranforderungen und unterschiedliche Bedingungen bei Männern und Frauen

Sehr oft wird behauptet, es sei sehr schwer gute und seriöse männliche Aktmodelle zu finden. Dazu muss aber angemerkt werden, dass die Anforderungen, Bedingungen und Einkommensmöglichkeiten für Männer und Frauen in dem Job als Aktmodell sehr unterschiedlich sind:

Für weibliche Aktmodelle gilt:
Sie müssen einen unkomplizierten und uneitlen Umgang mit ihrem Körper und ihrer Nacktheit haben. Sie müssen sehr zuverlässig und pünktlich sein. Und sie sollten zeitlich und räumlich flexibel sein.

Weibliche Aktmodelle die diese Bedingungen erfüllen, können, besonders wenn sie in einer Großstadt/Hochschulstadt wohnen, 20-30 Stunden pro Woche als Aktmodell arbeiten und 1000-2000 Euro im Monat verdienen. Wenn weibliche Aktmodelle jung, attraktiv und experimentierfreudig sind, können sie zudem weitere Jobs im Bereich Aktfotografie, Bodypainting, Performance, Workshop, Show, Messeauftritt, Junggesellenabschied, GoGo-Tanz, Stripperin machen, und damit "nebenher" noch deutlich mehr Geld verdienen.


Für männliche Aktmodelle gilt:
Sie müssen extremst seriös sein, ihren Sexualtrieb vollständig und absolut unter Kontrolle haben und in der Lage sein, jegliche Art von sexuellen Gedanken, Andeutungen, Anspielungen oder Anzeichen komplett zu unterdrücken. Sie müssen sehr zuverlässig, pünktlich und diszipliniert sein. Und sie müssen zeitlich und räumlich extrem flexibel und kurzfristig/spontan einsetzbar sein. (Da Männer sehr häufig als Springer, und Vertretung für kurzfristig abgesprungene Frauen, eingesetzt werden.)

Männliche Aktmodelle die diese Bedingungen erfüllen, können, besonders wenn sie in einer Großstadt/Hochschulstadt wohnen, 6-12 Stunden pro Woche als Aktmodell arbeiten und 500-700 Euro im Monat verdienen. Zusätzliche Jobs und Einnahmequellen im Bereich Aktfotografie, Bodypainting, Performance, Workshop, Show, Messeauftritt, Junggesellinnenabschied, GoGo-Tanz, Stripper sind für Männer extremst selten.


Das bedeutet: Frauen können, bei entsprechender Zuverlässigkeit und Flexibilität, hauptberuflich von der Arbeit als Aktmodell leben. Für Männer ist die Tätigkeit als Aktmodell dagegen nicht einträglich genug und gleichzeitig mit sehr hohen Einstiegshürden und Anforderungen verbunden. Als nebenberufliche Tätigkeit eignet sich die Arbeit als Aktmodell aber nicht, da sich die Arbeit, aufgrund der notwendigen zeitlichen Flexibilität und Spontanität, aber auch dem Image der Tätigkeit, so gut wie gar nicht mit einem geregelten und seriösen Vollzeitjob kombinieren lässt. Hauptberufliche, zuverlässige und seriöse männliche Aktmodelle sind daher extrem selten. Dies hat leider dazu geführt, dass sich sehr viele grenzwertige, "zeigefreudige" Männer als "Hobby-Aktmodelle" ("Ich zeige mich gerne nackt, Geld spielt keine Rolle.") in der Branche tummeln und männliche Modelle daher sehr oft einen sehr zweifelhaften Ruf haben.

Geringe Stundenzahl pro Woche

Wenn ich irgendwo sage, dass ich als Aktmodell 15 Euro Stundenlohn für zu wenig halte, dann kriege ich meist zu hören: Im Supermarkt an der Kasse gibt es nur 8 Euro. - Stimmt, aber im Supermarkt an der Kasse arbeitet man 8 Stunden pro Tag und 20 oder 40 Stunden pro Woche. (Kommt also in der Summe dann trotzdem auf ein halbwegs geregeltes Monatseinkommen.) Als Modell dauern die Jobs normalerweise nur 2-3 Stunden (Ganztages- oder Wochenendkurse mit 5-6 Stunden sind selten). Und man hat nur selten mehr als 6-7 Jobs pro Woche (Frauen) bzw. 2-3 Jobs pro Woche (Männer), also in der Summe 12-21 Stunden (Frauen) bzw. 4-9 Stunden (Männer) bezahlte Arbeit pro Woche.
Selbst hauptberufliche Künstlermodelle kommen in guten Wochen auf maximal 25-30 Stunden (Frauen) bzw. 8-10 Stunden (Männer). - Mehr ist kaum machbar, nicht nur weil es wenige Jobs gibt, auch wegen dem großen Zeitaufwand für die Fahrerei. - Und auch körperlich würde man das dauerhaft wohl kaum aushalten. (Ich hatte vor ein paar Jahren auch mal eine Woche mit knapp 20 Stunden Modellstehen, aber da ist man am Ende dann komplett fertig und hat wirklich Schmerzen im ganzen Körper.) Mehr als 20-25 Stunden Modellstehen pro Woche ist meines Erachtens dauerhaft körperlich kaum zu machen.

Dann kommt noch dazu, dass die Nachfrage bei männlichen Modellen sehr viel geringer ist als bei weiblichen. (Es gibt immer noch sehr viele Schulen, Gruppen, Dozenten und Künstler die ausschließlich weibliche Aktmodelle wollen. - Mit Ausnahme von Volkshochschulen und Kunstakademie, wo bei den Teilnehmern die Frauen oft überwiegen, sind die meisten anderen Aktzeichengruppen meist stark von Männern dominiert. Und auch Dozenten und freie Künstler die sich mit Akt beschäftigen sind oft Männer. Und in den besser bezahlten Arbeitsbereichen Aktfotografie, Bodypainting, Performance und Incentive werden ja ohnehin fast nur junge weibliche Modelle gesucht.)
Während also ein weibliches Aktmodell vielleicht sogar noch halbwegs über die Runden kommt, kommen Männer nur an die eher schlecht bezahlten und seltenen Jobs. - Wie gesagt, wenn ich als Mann 10 Stunden bezahlte Modelljobs pro Woche habe ist das eine sehr gute Woche für mich.

Viele unbezahlte Ferien

Ein weiteres Problem ist der viele Urlaub und die Ferien. - Selbst an der Staatlichen Kunstakademie Stuttgart (wo ja eigentlich ganzjährig Unterricht stattfindet) wird tatsächlich nur knapp 5 Monate im Jahr Akt gezeichnet: Von Ende Oktober bis Mitte Dezember knapp 2 Monate, von Mitte Januar bis Anfang Februar 1 Monat und von Ende April bis Ende Juni 2 Monate.
Dazu kommt, dass viele Schulen das Aktzeichnen vom Umfang stark reduziert haben. - Bevor ich 1999 an die Staatliche Kunstakademie Stuttgart gekommen bin gab es dort 2 fest angestellte Modelle (mit Vollzeit-Arbeitsvertrag) mit zusammen 80 Stunden Aktzeichnen pro Woche. Im Oktober 1999 wurde dann auf stundenbasierte (Minijob-)Bezahlung umgestellt und das Aktzeichnen auf 4 Tage a 10 Stunden (also nur noch 40 Stunden Aktzeichnen pro Woche) gekürzt. Im Laufe der Jahre wurde der Umfang des Aktzeichnens schrittweise immer weiter reduziert. Heute (2015) machen wir an der Kunstakademie nur noch 7 Stunden am Dienstag und 5 am Mittwoch. (12 Stunden Aktzeichnen pro Woche für ca. 900 Studenten!) - Ausgezahlt wird heute zudem auf Selbstversteuerung, was für die Modelle bedeutet, das Steuern und Sozialabgaben aus eigener Tasche bezahlt werden müssen!
Und die meisten anderen Schulen machen inzwischen gar kein ganzjähriges Aktzeichnen mehr. Viele bieten das nur noch 1-2 Mal pro Jahr als Blockseminar oder für ein paar Wochen an.
Das heißt, man hat als Künstlermodell viele lange Pausen, wo man keine Jobs hat. (Von Mitte Juli bis Mitte Oktober gibt es, 3 Monate lang, fast kein Aktzeichnen! Von Mitte Dezember bis Mitte Januar ist 1 Monat Pause. Von Mitte Februar bis Mitte April ist 2 Monate lang fast nichts los.) Man hat also sehr viel Urlaub als Modell. Aber als Modell ist man Freiberufler, da zahlt einem niemand Urlaubsgeld. Man sitzt da halt auf dem Trockenen und muss schauen, dass man sparsam lebt, damit das Geld bis zum ersten Job nach der Pause reicht.

Von Krankheit rede ich gar nicht erst. Krankengeld bekommt ein Modell nicht. Daher darf es als selbständiger Kleinunternehmer grundsätzlich nicht krank werden, sonst hat es erst recht ein Problem. - Da schleppt man sich dann halt auch mal schwerkrank zum Modellstehen.

Hohe Fahrtkosten

Ein weiteres Problem ist der Zeit- und Kostenaufwand für die viele Fahrerei. - Wer im Supermarkt (oder sonst irgendwo fest angestellt) arbeitet, sucht sich eine Wohnung in Arbeitsplatznähe um möglichst wenig Zeit mit der Fahrt zu verlieren. Außerdem kauft man sich ein Monats- oder Jahresticket weil das günstiger ist.
Als Modell muss man, um genügend Jobs zu bekommen, zwangsläufig in einem sehr großen Umkreis arbeiten. (Bei mir ist der durchschnittliche Anfahrtsweg 55 km.) Das kriegt man nicht kürzer hin, weil die Schulen und Gruppen weit auseinander liegen, und es keine Region gibt, wo es so viele Jobs gibt, dass man nur mit wohnortnahen Jobs über die Runden kommen würde. (Ich habe meist zwischen 4 und 6 Stunden Fahrzeit, incl. Fußwege, Warten auf Züge, Umsteigehalte, Duschen vor jedem Job.) Da man zudem zu täglich wechselnden Orten fährt kann man die Anfahrtszeit, die Bahnverbindungen und den Fußweg vom Bahnhof zur Schule oft nicht so genau einschätzen. (Muss sich oft erst noch vor Ort durchsuchen.) Daher muss man in die Fahrzeit auch immer viele Sicherheitsreserve einbauen.
Und da man jeden Tag woanders hinfährt, kann man auch nicht mit günstigen Monatskarten fahren, sondern bezahlt meist den normalen Fahrpreis.

Teure Sozialversicherungen

Und die Kosten sind eh ein Problem: Im Supermarkt kriegt man zwar nur 8 Euro, aber dafür kümmert sich der Chef um Steuern und Sozialabgaben. Im Optimalfall ist man also komplett sozial abgesichert.
Als Modell ist man im Normalfall selbständiger Gewerbetreibender. (Die Künstlersozialkasse nimmt übrigens kein Modelle auf.) Und auch solche Sachen wie steuerfreie Aufwandsentschädigung / Übungsleiterpauschale gelten nur für Künstler, Journalisten und Dozenten. - Modelle (zumindest die die es offiziell, legal und regelmäßig machen) müssen ihre Steuern und Sozialabgaben alleine und in voller Höhe selber bezahlen!
Wenn eine junge Studentin neben ihrem Studium ein bisschen als Modell arbeitet, sonst nichts nebenher verdient und noch über ihre Eltern familienversichert ist, dann geht das vielleicht noch halbwegs mit Arbeiten ohne Quittung oder läuft unter irgendwelchen Bagatellgrenzen. Aber als Berufsmodell kann ich das vor dem Finanzamt und den Versicherungen nicht dauerhaft verheimlichen, muss mich also offiziell anmelden, eine saubere Buchführung vorweisen, meine Steuererklärung machen usw. Und auch bei den Sozialversicherungen (wo ich zwar freiwillig versichert bin, aber ich will halt nicht ohne Versicherung sein) zahlt man als freiwillig versicherter Selbständiger, aufgrund von Mindestbemessungsgrenzen, gleich den extra hohen Beitrag. - Und kein Arbeitgeber bezahlt 50 Prozent davon!
Mindestbeitrag 2015 für hauptberuflich Selbständige in der gesetzlichen Krankenversicherung: 314,69 Euro pro Monat
Mindestbeitrag 2015 in der gesetzlichen Rentenversicherung: 84,15 Euro pro Monat
Mindestbeitrag 2015 für hauptberuflich Selbständige ohne Kinder in der gesetzlichen Pflegeversicherung: 55,28 Euro pro Monat

Rechenbeispiel

Ich habe 2010 als Verkäufer bei einem Bioladen gearbeitet und dort brutto 10 Euro pro Stunde erhalten. Fast zeitgleich habe ich auch als Aktmodell bei einer Volkshochschule gearbeitet und dort 14 Euro pro Stunde erhalten. Die Fahrtkosten waren bei beiden Jobs gleich. (11 Euro - DB Regio-Ticket BW)
Im ersten Moment sieht es also so aus, als wäre der Aktmodelljob besser bezahlt. Nach Abzug der Fahrt- und Sozialversicherungskosten sieht es dann aber anders aus:
Im Bioladen haben ich pro Tag 8,5 Stunden gearbeitet, an der Volkshochschule nur 2,5 Stunden. Daraus ergab sich beim Bioladen ein Fahrkostenanteil von 1,29 Euro pro Stunde, bei der Volkshochschule 4,40 Euro pro Stunde.
Beim Bioladen war ich auf Lohnsteuerkarte angestellt, aufgrund des niedrigen Einkommens hatte ich nur wenige Steuern und niedrige Sozialversicherungsbeiträge zu bezahlen, ungefähr die Hälfte der Versicherungsbeiträge übernahm zudem der Arbeitgeber. Bei der Volkshochschule arbeite ich als selbständiger Gewerbetreibender und bin freiwillig versichert in den gesetzlichen Sozialversicherungen, aufgrund von Mindestbemessungsgrenzen sind meine Beiträge sehr hoch und müssen auch von mir alleine bezahlt werden. Daraus ergab sich beim Bioladen ein Steuer- und Sozialversicherungsanteil von 2,83 Euro pro Stunde, bei der Volkshochschule 7,83 Euro pro Stunde.
Das Resultat: Von den 10 Euro brutto im Bioladen, blieben nach Abzug von Fahrt, Steuern und Versicherungen noch netto 5,88 Euro übrig. Von den 14 Euro brutto bei der Volkshochschule, blieben nach Abzug von Fahrt, Steuern und Versicherungen noch netto 1,77 Euro übrig!

Tatsächliche Kosten und weitere Einnahmequellen

Die Fixkosten pro Modellauftrag liegen meist bei ca. 35 bis 40 Euro. (Je nach Entfernung.) Im Durchschnitt dauert ein Modelljob 2,5 Stunden und der Durchschnittslohn liegt derzeit bei ca. 18 Euro. Da kann sich jeder ausrechnen, dass das Gehalt oft gerade mal die Unkosten deckt. - Es ist sehr frustrierend, wenn man den Job sehr gerne macht, aber danach die Buchhaltung sieht und sich fragt, warum man nicht einfach von Hartz IV lebt.

Ich habe mir das vor ein paar Jahren (2001) mal von einem Steuerberater ausrechnen lassen: Wenn ich 54 Mark (27 Euro) pro Stunde verlangen würde und die Fahrtkosten in voller Höhe vom Auftraggeber erstattet bekomme, dann würde sich meine "Aktmodellfirma" dauerhaft betriebswirtschaftlich tragen. *Hahaha* - Der Steuerberater hat damals schon gelacht als ich sagte, ich arbeite für 25 Mark (12,50 Euro) pro Stunde und die Fahrtkosten bezahle ich selber. - Heute 10 Jahre später, nach Euro-Einführung und zig Teuerungsraten, wären selbst 27 Euro zu wenig.

Einen anderen Job nebenher zu machen ist leider auch recht schwer. Nicht alle Modelljobs sind am Wochenende oder abends. Außerdem sind viele Dozenten und Künstler extrem unkoordiniert und sprunghaft. 90 Prozent meiner Auftraggeber machen die Modelltermine erst in der Woche vorher aus. Wenn man davon leben muss, kann man außerdem auch nicht nur Abend- und Wochenendkurse annehmen. Das Hauptgeschäft für Künstlermodelle sind die Schulen und Akademie, und die machen tagsüber Unterricht.
Und ganz ehrlich, wenn ich 8 Stunden in irgendeinem stressigen Hauptjob gearbeitet habe, dann bin ich da morgens um 6 Uhr aufgestanden und abends um 6 auf dem Zahnfleich aus der Firma gekrochen, da will ich dann nicht noch 2 Stunden körperlich anstrengendes Modellstehen hinten dran hängen. (Das geht in Ausnahmefällen, aber nicht regelmäßig.)
Und davon, dass es manche Arbeitgeber gibt, die gar nicht wollen, dass ihre Angestellten nebenher öffentlich als Aktmodell auftreten, rede ich gar nicht erst.
Als Modell muss man zeitlich extrem flexibel sein, sehr kurzfristig und spontan einspringen können, tolerante Kollegen und Chefs haben und viel Zeit für die Fahrerei investieren. Ich habe das immer wieder versucht, aber das Modellstehen ist wirklich nur sehr schwer und in stark reduziertem Umfang mit anderen Jobs kombinierbar.

Das gleiche Problem wie bei allen Künstlern, aber gesellschaftlich nicht toleriert

Wir Modelle haben eigentlich die selben Probleme wie alle Freischaffenden Künstler, nur dass das bei Künstlern toleriert und gesellschaftlich unterstützt wird, bei Modellen nicht:
Warum verkaufen Künstler ihre Werke so teuer und weit über dem reinen Materialwert? Und warum wird das gesellschaftlich toleriert?
Ganz einfach: Weil jeder weiß, dass Künstler oft über Monate oder Jahre hinweg Durststrecken haben und nichts verkaufen. - Wenn sie dann doch mal eines ihrer Werke verkaufen, dann müssen sie dafür hohe Preise verlangen um sich ein finanzielles Polster zu schaffen, damit sie die nächste Durststrecke überstehen können.
Bei Modellen ist es genauso, auch sie haben viele lange Durststrecken ohne Jobs. Aber Modelle werden, wenn sie Jobs haben, immer nur so gering bezahlt, dass es ihnen gerade Mal über den Tag reicht. - Um Reserven für schlechte Zeiten (oder für das Alter) aufzubauen reicht die Gage nicht.
Künstler werden zudem in vielen Bereichen steuerlich bevorzugt, bekommen vereinfachte Regelungen vom Finanzamt, können Gagen oft als steuerfreie Aufwandsentschädigung einstreichen und versichern können sie sich zu reduzierten Tarifen bei der Künstlersozialversicherung.
Komisch: Künstler verdienen deutlich mehr als Modelle. Bezahlen aber trotzdem deutlich niedrigere Steuern und Sozialbeiträge als Modelle. - Künstler werden vom Staat subventioniert. Modelle gelten steuerlich als allgemeine Dienstleister und zahlen daher überall die vollen Sätze.

Ich bin übrigens sogar Zwangsmitglied bei der Industrie- und Handelskammer. - Die sagen zwar sogar selbst, dass sie keinerlei Dienstleistungen für Aktmodelle anbieten, aber als selbständiger Unternehmer muss ich Mitglied einer Kammer sein. Und da es für Aktmodelle keine Kammer gibt, hat man mir erklärt, dass ich deshalb eben Zwangsmitglied in der IHK sein müsse. - Nur Künstler, Architekten, Ärzte, Rechtsanwälte und ähnliche freie Berufe sind von dieser Pflicht befreit.

Als Modell kann man sich weder als Freiberufler noch als Künstler anmelden, sondern gilt als gewerblicher Dienstleister. Man bezahlt also bei Steuern, Versicherungen, Beiträgen und Gebühren immer die vollen Sätze.

Fragt da wirklich noch jemand ernsthaft, warum 85 Prozent aller Aktmodelle schwarz arbeiten? - Warum viele Aktmodell so unzuverlässig sind und häufig Termine platzen lassen? - Warum die Fluktuation so hoch ist und die meisten Aktmodelle den Job schon nach wenigen Monaten oder Jahren wieder aufgeben?

Und was ist denn nun fair?

Wenn man ein offiziell angemeldetes Modell so bezahlen möchte, dass es damit, ohne stattliche Zuschüsse, über die Runden kommt, dann müsste man mindestens 30 Euro pro Stunde bezahlen. (Bei nebenberuflichen Hobby-Aktmodellen ist auch 20 Euro noch okay.)

Das Problem ist einfach, dass figurative Kunst zwangsläufig sehr personalintensiv ist. Personalintensiv ist aber, in einem Land wie Deutschland, zwangsläufig sehr teuer (und in den letzten 50 Jahren immer teurer geworden). - Daher haben in den letzten 50 Jahren die meisten personalintensiven Branchen rationalisiert oder Arbeitsplätze ins Ausland verlagert. - Bei figurativer Kunst geht das nicht, aber gleichzeitig ist das Geld nicht da, um diese gestiegenen Personalkosten zu bezahlen. - Daher läuft es halt meist auf Niedriglöhne und Schwarzarbeit hinaus, weil man nur so die Modellkosten drücken kann.
Wie gesagt, wenn man wirklich ehrlich und gerecht wäre, dann dürfte man Aktmodelle nicht mehr schwarz beschäftigen und müsste faire Löhne bezahlen. Aber das würde dann 30 Euro pro Stunde kosten und dann müsste man den Künstlern erklären, dass gute personalintensive deutsche handwerkliche Wertarbeit nicht für Dumpinglöhne zu bekommen ist.

Welcher andere deutsche Handwerker mit 16 Jahren Berufserfahrung und besten Referenzen arbeitet heute noch für 10-15 Euro pro Stunde? (Selbst wenn er nur angelernt und ohne Abschluss ist.)

Urheber- und Nutzungsrecht

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